Werden Frauen in der Medizin noch immer wie Männer behandelt? Und welche Folgen hat das für ihre Gesundheit? Im Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs spricht Dr. Regina Steringer-Mascherbauer, Kardiologin am Ordensklinikum Linz Elisabethinen und ausgewiesene Expertin für Gendermedizin, über strukturelle Unterschiede in Diagnose und Therapie und warum ein Umdenken dringend notwendig ist.
„Die Studiendaten belegen, dass Frauen immer noch wie Männer behandelt werden“, stellt Steringer-Mascherbauer im Podcast klar. Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen habe das gravierende Konsequenzen: „Wenn wir das Beispiel eines erzinfarkts hernehmen, dann sind unsere Symptome anders als bei Männern. Diese werden oft wenig beachtet, sodass der Zeitpunkt der Behandlung bei Frauen später einsetzt.“
Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt häufig andere Warnsignale als Männer. Neben dem klassischen Druckgefühl in der Brust können auch weitere Beschwerden auftreten. „Bei Frauen kann es bei Belastung zu Schweißausbrüchen kommen, häufig auch zu Schmerzen in der Magengegend und auch Schmerzen, die in den Rücken ausstrahlen“, erklärt die Expertin. Dass diese Symptome oft nicht sofort als Herzinfarkt erkannt werden, führt zu Verzögerungen in der Behandlung – mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen. Auch bei anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt sich ein ähnliches Bild.
Größtes Risiko wird unterschätzt
Ein zentrales Problem ist laut der Kardiologin auch die Wahrnehmung: „Das Wichtigste ist, dass sich Frauen bewusst sind, dass sie auch an einem Herzinfarkt erkranken können.“
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nämlich die häufigste Todesursache bei Frauen ebenso wie bei Männern.
Dennoch liege laut Dr. Regina Steringer-Mascherbauer der Fokus vieler Frauen stärker auf anderen Erkrankungen bzw. orsorgeuntersuchungen: „Wir glauben noch immer, dass Brust- oder Gebärmutterhalskrebs die häufigste Todesursache ist. Zur Vorsorge gehen wir dort sehr konsequent, das müssen wir auch auf die Herzgesundheit übertragen.“
Dazu gehöre etwa auch, wichtige Werte im Blick zu behalten: „Jede Frau sollte ihren Cholesterinwert kennen, vor allem das LDL-Cholesterin.“ Auch hormonelle Veränderungen spielen eine Rolle: „Mit der Menopause steigt das LDL, weil unsere Hormone bis dahin einen Schutz bieten.“
Lebensstil als entscheidender Faktor
Neben medizinischen Aspekten hebt Steringer-Mascherbauer auch den Lebensstil hervor.
„Rauchen ist extrem schädlich für unsere Gefäße, das müssen wir gendermedizinisch stärker adressieren.“ Auch Schwangerschaftskomplikationen seien ein wichtiger Hinweis: „Bluthochdruck oder Diabetes in der Schwangerschaft bedeuten ein erhöhtes Risiko, später eine Herzkrankheit zu entwickeln.“
Ein besonders positives Ergebnis aus der Forschung betrifft die Bewegung: „Mit 140 Minuten körperlichem Training pro Woche können Frauen ihr kardiovaskuläres Risiko um 25 Prozent senken. Männer müssten dafür deutlich mehr trainieren, etwa 300 Minuten pro Woche, um eine Risikoreduktion von 15 Prozent zu erreichen“, erklärt Dr. Regina Steringer-Mascherbauer.
Gendermedizin steckt noch in den Kinderschuhen
Trotz wachsender Erkenntnisse steht die Gendermedizin noch am Anfang. „Sie steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Steringer-Mascherbauer. Erst seit Kurzem werde verstärkt darauf geachtet, Frauen in Studien ausreichend zu berücksichtigen.
Dabei zeigen sich auch Unterschiede bei Medikamenten: „Frauen verstoffwechseln beispielsweise Medikamente anders und brauchen oft geringere Dosen. Wenn wir die gleichen Dosen wie bei Männern geben, haben Frauen schneller Nebenwirkungen.“
Frauen stellen sich selbst oft hinten an
Ein weiterer Aspekt betrifft das Verhalten im Alltag. „Frauen kommen später ins Krankenhaus“, beobachtet die Expertin. Häufig stehen familiäre Verpflichtungen im Vordergrund: „Sie machen sich Sorgen, ob die Kinder oder der Partner versorgt sind, und stellen sich selbst zurück. In Gesprächen merkt man, dass sie sich mehr Sorgen um dieFamilie als um sich selbst machen.“
Auch bei Rehabilitationsmaßnahmen zeigt sich dieses Muster: „Viele Frauen sagen, dass sie dafür keine Zeit hätten.“ Hier brauche es ein Umdenken: „Man muss Frauen oft bewusst machen, dass sie jetzt im Mittelpunkt stehen und ihre Erkrankung behandelt werden muss.“
Women’s Heart Austria: Karriereförderung und Bewusstsein für Herzgesundheit
Dr. Regina Steringer-Mascherbauer engagiert sich weit über die klinische Praxis hinaus: Gemeinsam mit Dr. Anna Raab hat sie den Verein Women’s Heart Austria gegründet, der zwei zentrale Ziele verfolgt.
Erstens die gezielte Förderung junger Kardiologinnen, damit sie ihre berufliche Laufbahn besser planen und gestalten können. Dahinter steht auch eine medizinische Erkenntnis: „Wenn Frauen Frauen behandeln, ist das Outcome besser, weil wir dieselbe Sprache
sprechen und sensibler mit den Informationen umgehen können, die Patientinnen uns anvertrauen.“
Zweites Ziel des Vereins ist die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung: Women’s Heart
Austria setzt sich aktiv dafür ein, das Wissen über Herzgesundheit bei Frauen zu stärken und das Thema in der Öffentlichkeit stärker zu verankern.
Der Blick in die Zukunft ist klar: „Idealerweise müssen wir in zehn Jahren nicht mehr über Gendermedizin sprechen, weil sie selbstverständlich gelebt wird.“
Bis dahin bleibt viel zu tun. Eine zentrale Forderung der Expertin: „Wir müssen schon früh dafür Bewusstsein schaffen.“ Und: „Jede Frau sollte sich ihres Wertes bewusst sein, Symptome ernst nehmen und rechtzeitig zum Arzt gehen.“